Mi
24
Feb
2010
Auch Länder forcieren Ganztagsschule
Das "verschränkte"Ganztagsmodell ist umstritten, doch bald könnten es auch die Bundesländer forcieren. Die Landesschulratspräsidenten sehen die Wiener Volksbefragung als wichtiges Signal.
Wien ist anders - vorläufig zumindest: Das größte Bundesland wird beim Ausbau der Ganztagsschulen voranschreiten. Bei der jüngsten Volksbefragung haben sich 73,54 Prozent für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen ausgesprochen, die Stadt will die Ganztagsschulen bis 2017 in jedem Bezirk verwirklichen.
Bald könnten aber auch andere Bundesländer dieses Modell forcieren, wie ein „Presse"-Rundruf bei den Landesschulräten ergab. Umstritten ist noch, ob sich die Länder wie Wien für eine „verschränkte" Ganztagsschule einsetzen wollen. Bei dieser würden sich Unterrichts-, Lern- und Erholungsphasen abwechseln. Die Alternative wäre die klassische Variante: „vormittags Unterricht, nachmittags Betreuung". Sie dominiert derzeit noch in den Ländern.
„Impuls für ganz Österreich"
In der Bundeshauptstadt gibt es aktuell 23Volks- und vier Hauptschulen, die auch Ganztagsschulen sind. Sie werden von rund 7800Schülern besucht.
In den Ländern ist das Angebot wesentlich geringer. Das Ergebnis der Befragung in Wien dürfte aber Anstoß für einen Ausbau sein. Es sei „wertvoll für die Weiterentwicklung unseres Schulsystems",
sagt der steirische Landesschulratspräsident Wolfgang Erlitz. Auch auf die Steiermark werde sich das positive Ergebnis zumindest „auf indirekte Weise" auswirken. Es werde ein „Impuls für ganz
Österreich sein", ist Erlitz überzeugt.
Als Nächstes müsse man den Eltern und Schülern vermitteln, was „Ganztagsschule" wirklich bedeutet. Sie brächte eine „völlig neue Rhythmisierung des Unterrichts, mit Unterrichts-, Entspannungs-, Übungs- oder Bewegungseinheiten" - und zwar über den ganzen Tag verteilt. Sobald sich das System in Wien durchsetzt, werde es auch die Eltern und Schüler in den Ländern überzeugen, ist Erlitz sicher. In der Steiermark gibt es derzeit an 28Gymnasien Tagesbetreuung für insgesamt 2443 Unterstufenschüler.
Die Wiener Befragung, vor allem aber die jüngste Elternbefragung des Unterrichtsministeriums, sieht der Salzburger Landesschulratspräsident Herbert Gimpl als Signal. Die Ifes-Umfrage im Auftrag von Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) hat ergeben, dass sich Eltern in ganz Österreich mehr Ganztagsbetreuung wünschen. Stimmt das Angebot, hätten sie gern rund 350.000 Plätze, derzeit liegt das Angebot bei rund 120.000Plätzen an Ganztagsschulen oder in Horten.
„Der gesellschaftspolitische Bedarf an mehr Ganztagsschulen ist auch in Salzburg gegeben", so Gimpl. Anders als in Wien werde sich gerade in ländlichen Gemeinden aber die „traditionelle" Variante durchsetzen, glaubt der Landesschulratspräsident: Schulen, Pausen und Erholung sollten dort nicht so stark über den Tag verteilt sein. So könnte ein Teil der Schüler nach dem klassischen Unterricht, Mittagessen und Hausübung in Vereine oder ins Musikum (das frühere Musikschulwerk) gehen. In der Stadt Salzburg hingegen habe die „verschränkte" Ganztagsschule eher eine Zukunft als auf dem Land, glaubt Gimpl. In der Stadt gibt es schon jetzt die meisten Ganztagsschulen, in ganz Salzburg wird Tagesbetreuung derzeit an 63Standorten angeboten und von rund 2700Schülern genützt.
Für Oberösterreich „offen" für mehr Ganztagsschulen ist Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer. „Ich hätte überhaupt kein Problem, überall welche anzubieten." In Bezug auf die Elternbefragung des Ministeriums warnt Enzenhofer aber davor, dass zwar viele die Ganztagsschule befürworten, sie für ihr eigenes Kind aber gar nicht in Betracht zögen. In Oberösterreich, so Enzenhofer, hätten 143 Schulen die Möglichkeit, eine Ganztagsbetreuung anzubieten. Doch nur 100Standorte mit 5400 Pflichtschülern nützen diese bisher.
Skepsis gegen späten Unterricht
Eine „verschränkte" Ganztagsschule sieht Enzenhofer skeptisch: „Ich bin schon so müde" könnten Schüler sagen, wenn sie bis in den Nachmittag
unterrichtet werden, so die Befürchtung des Landesschulratspräsidenten. Vereine und Musikschulwerke sollten demgegenüber nicht zu kurz kommen.
Auf Bundesebene stehen weiterhin die SPÖ und die Grünen klar für ein breiteres Angebot an Ganztagsschulen. Die ÖVP ist in dieser Frage aber noch zurückhaltend.
FAHRPLAN
Die Wiener sind mehrheitlich für Ganztagsschulen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) plant jetzt eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Landesschulräte, des Städte- und Gemeindebundes,
die das Thema für alle Länder aufberei-ten soll.Über Ganztagsschulen ent- scheiden Schulforum/Schulgemeinschaftsausschuss sowie Schuler-halter(Gemeinde, Land oder Bund).
REGINA PÖLL
„Die Presse" - 24. Februar 2010
