Do
18
Feb
2010
Bis zur Ganztagsschule ist es ein langer Weg
Die Wiener stimmten klar für den Ausbau der Ganztagsschule. Was dieses Ergebnis in der Praxis bedeutet.
Ganztagsschulen sind in Österreich noch die Ausnahme. Das könnte sich nach dem Ergebnis der Volksbefragung bald ändern. Wichtige Fragen und Antworten zum Thema.
Was ist eine Ganztagsschule?
Die Kinder müssen zwischen 8 Uhr und 15.30 Uhr anwesend sein. In dieser Zeit gibt es verschränkten Unterricht. Das heißt, Lernen und Freizeit wechseln einander ab. Neben der verpflichtenden
Kernzeit werden die Schüler auf Wunsch zwischen 7 und 18 Uhr betreut.
Haben Kinder dort 40 Stunden Unterricht?
Nein. Sie sollen abwechselnd lernen und sich entspannen.
Wie groß ist der Bedarf an Ganztagsschulen?
Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch will den genauen Bedarf erst erheben. Laut einer Umfrage des Unterrichtsministeriums, die im
Jänner präsentiert wurde, würden 52 Prozent der Wiener Eltern ihre Kinder in einer ganztägig geführten Schule anmelden, wenn es das Angebot gäbe.
Ab wann wird es ausreichend Ganztagsschulen geben?
Die Stadt Wien will innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre den Ausbau vorantreiben. Zum Teil werden neue Schulen
gebaut. Alte Schulen werden im Rahmen des Schulsanierungsprogramms umgebaut, also um Küchen und Freizeiträume erweitert. 2017 sollen alle, die eine Platz in einer Ganztagsschule wünschen, diesen
auch bekommen.
Was heißt "flächendeckendes Angebot"?
Für jeden Wiener Schüler gibt es eine Ganztagsschule "in erreichbarer Nähe". Der Weg zur Schule soll mit Öffis maximal eine halbe
Stunde dauern.
Muss dann jedes Kind in die Ganztagsschule?
Nein. Es wird wie bisher die klassische Halbtagsschule sowie offene Schulen geben. In Letzteren können die Kinder zu Mittag nach
Hause, haben aber auch die Möglichkeit, bis etwa 18 Uhr in der Schule zu bleiben.
Sollen nur Volksschulen zu Ganztagsschulen ausgebaut werden?
Nein, auch Hauptschulen soll es in ganztägiger Form geben. Für die AHS ist nicht die Stadt, sondern der Bund
zuständig.
Wer unterrichtet und wer betreut?
An Ganztagsschulen wechseln sich Unterricht, individuelle Lernzeit und Freizeit ab. Erstere wird von Lehrern abgehalten. Die individuelle
Lernzeit (Hausübungen, Lernen) wird von Lehrern und/oder Erziehern betreut. In den Freizeitstunden werden die Kinder von Erziehern des Wiener Vereins für Kinder- und Jugendbetreuung
beaufsichtigt.
Müssen Lehrer länger im Haus arbeiten?
Ja. An der Gesamtarbeitszeit soll sich aber nichts ändern. Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl will bei den Lehrern
"Überzeugungsarbeit" leisten.
Wie soll der Ausbau der Ganztagsschulen finanziert werden?
Laut Büro Oxonitsch wird zum einen Geld für Neubauten flüssig gemacht. Umgebaut wird oft gleichzeitig mit einer
Sanierung. Die Opposition kritisiert, dass es noch keinen Finanzierungs- und Sanierungsplan gibt.
Gibt es ein Konzept für die Ganztagsschule?
Oxonitsch will den Lehrerteams hier Gestaltungsfreiraum geben. Er verweist auf Konzepte im Ausland, an die man sich anlehnen
kann.
Was sagen die Oppositionsparteien?
Susanne Jerusalem von den Grünen kritisiert, dass es noch kein wirkliches Konzept gibt. "Ganztagsschule darf nicht heißen, dass die
Schüler einen ganzen Tag auf engem Raum eingepfercht sind. Sie brauchen Platz und ausreichend Freiräume." Ähnlich sieht es Isabella Leeb, VP: "Der Bedarf an ganztägiger Betreuung ist da. Jetzt
geht es um einen qualitativ hochwertigen Ausbau." Die Ganztagsschule allein löse noch kein Bildungsproblem, wie das Beispiel Großbritannien zeige.
Tirol
Zwei Schulen bieten derzeit die verschränkte Form der Ganztagesschule an: Die Hauptschule Prutz (Bezirk Landeck) und die Innsbrucker Volksschule Innere Stadt mit je
vier Gruppen und 79 bzw. 76 Schülern. VP-Landesrätin Beate Palfrader setzt auf ein verbessertes Angebot - auf mehreren Schienen: "Dabei ist vorstellbar, dass größere Schulen die verschränkte
Ganztagsschule in einer Gruppe anbieten müssen." Der Bund müsse dazu aber ein neues Dienstrecht und Mittel bereitstellen. Derzeit zahle er Lehrern für Freizeitbetreuung nichts und für
Hausaufgabenbetreuung nur die Hälfte. Von 55.708 Tiroler Pflichtschülern werden 1830 in Horten, 1959 in Schulen und 250 in alterserweiterten Kindergärten betreut. Letztere sind in
Kleinstgemeinden eine gefragte Lösung.
Niederösterreich
Wahlfreiheit statt Zwangsbeglückung" - so argumentiert Niederösterreich seinen Weg in Sachen ganztägige Betreuung in der Schule. Seit 2006 fördert das Land
die Nachmittagsbetreuung an Pflichtschulen. Eltern zahlen maximal 80 Euro im Monat. Im heurigen Schuljahr wurden an 145 Standorten mehr als 3500 Kinder nachmittags in der Schule betreut. Die für
Familienfragen zuständige Landesrätin Johanna Mikl-Leitner (VP) lehnt eine verpflichtende Ganztagsschule ab. Sie sieht ihre Haltung durch eine aktuelle Studie der Uni Wien, bei der 700 Eltern in
NÖ befragt wurden, bestätigt: "72 Prozent der Eltern sagen, dass die Nachmittagsbetreuung flexibel gestaltet werden sollte." In NÖ gibt es mehr als 1000 Pflichtschulen - nur vier davon sind
Ganztagsschulen.

