Do

23

Jul

2009

Sozialpartner fordern ganzheitliches Bildungssystem ein

Ausbau der Neuen Mittelschule, mehr Ganztagsschulen und mehr Ressourcen für Weiterbildung sind zentrale Themen.

In einer gemeinsam Sozialpartner-Pressekonferenz betonten heute, Donnerstag, die Präsidenten von Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl, ÖGB, Erich Foglar, Arbeiterkammer, Herbert Tumpel, sowie der Vizepräsident der Landwirtschaftskammer, Hermann Schultes, die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Reform des Bildungssystems. Bereits im Herbst 2007 hatten die Sozialpartner dazu eine Strategie vorgelegt, deren Umsetzung durch die Politik in zentralen Bereichen jedoch zu wünschen übrig lässt. Einig waren sich die Sozialpartner, dass die Politik nun rasch in einen Dialog über die vorgelegten Maßnahmen eintreten müsse.

Es sollten die Weichen gestellt werden in Richtung einer echten Strategie des lebenslangen Lernens, eines nationalen Qualifikationsrahmens, einer stärkeren Betonung der neuen Mittelschule und einer neu aufgestellten Schulverwaltung.

Christoph Leitl Christoph Leitl

"Unser Ziel muss sein, das beste Bildungssystem Europas in Österreich zu verwirklichen und nicht in alten Strukturen zu verharren. In der aktuellen wirtschaftlichen Situation können wir nur durch Stärken wie Know how, Kreativität und Innovation punkten. Deshalb sind jetzt Investitionen in das heimische Bildungssystem unerlässlich", betonte WKÖ-Präsident Leitl. In Hinblick auf die Umsetzung des Sozialpartnerpapiers stehe man leider "mehr am Anfang als wir uns das vor zwei Jahren gewünscht haben".

 

Betrachte man die aktuelle Bildungspolitik nach einem Ampelsystem, stehe diese in puncto "kostenfreie Lehre und Matura" auf Grün. Gelb sei das Licht bei den Bildungsstandards, da es hier entgegen der Forderung der Sozialpartner keine definierten Mindestlevels und keine Rückmeldung der Überprüfungsergebnisse an den Schulen gebe. Was die neue Mittelschule betrifft, wünscht sich Leitl ein Konzept für eine echte Sekundarstufe I.

 

Nach wie vor auf Rot stehe die Ampel im Hinblick auf die notwendige Entwicklung eines nationalen Qualifikationsrahmens sowie eine Schulverwaltungsreform. Hier wünschen sich die Sozialpartner in einem ersten Schritt mehr Autonomie für die einzelnen Schulen und in einem zweiten Schritt eine echte Neuregelung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern. "Klar ist, dass wir auf gewachsene Strukturen Rücksicht nehmen müssen. Aber wir können nicht darin verharren sondern müssen uns den neuen Veränderungen stellen", meinte der WKÖ-Präsident.

Foglar: Mehr Geld für Weiterbildung nötig
"Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zeigt sich, dass Bildung der Schlüssel zu Arbeitsplatzsicherheit ist", sagt ÖGB-Präsident Erich Foglar. Die Krise treffe besonders Menschen mit niedriger Qualifikation. Die rasche Umsetzung des Arbeitsmarktpakets 2 sei daher umso wichtiger. Foglar äußerte die Sorge der Sozialpartner darüber, dass im gesamten Bildungsbudget für den Bereich der Weiterbildung viel zu wenig Mittel vorgesehen seien. "Um das Prinzip des lebensbegleitenden Lernens umsetzen zu können, brauchen wir gerade hier viel mehr finanzielle Mittel."

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei die Bildungswegberatung, wo die Sozialpartner der Bundesregierung erneut anboten, auf ihre Ressourcen und Erfahrungen zurückzugreifen. "Besonders junge Frauen müssen viel besser beraten werden, denn immer noch wählen Mädchen aus einer Vielzahl von Lehrberufen hauptsächlich Bürokauffrau, Einzelhandelskauffrau und Friseurin." Foglar verlangt daher viel mehr Engagement, junge Frauen auch für technische Berufe zu motivieren. "Gerade in der Krise sind Investitionen in die Bildung wichtig und der Staat muss hier seine Verantwortung wahrnehmen", so der ÖGB-Präsident. "Investitionen in die Bildung sind nicht die Schulden der jungen Menschen in der Zukunft, sondern im Gegenteil. Was wir jetzt versäumen, das werden wir in wenigen Jahren schon negativ zu spüren bekommen."

Herbert Tumpel Herbert Tumpel

AK-Tumpel: Ganztägiges Betreuungsangebot flächendeckend ausbauen!

Mit dem Ziel, Beruf und Familie besser zu vereinbaren, damit Frauen ihre Möglichkeiten und Chancen besser auf dem Arbeitsmarkt ausschöpfen können, fordern die Sozialpartner den Ausbau der ganztägigen schulischen Betreuung. "Die Nachfrage nach einem flächendeckenden Netz an Betreuungsangeboten ist groß, dem muss auch nachgekommen werden", sagt AK Präsident Herbert Tumpel. Daher soll in einem ersten Schritt eine Volkschule in jeder Bezirksstadt ein ganztägiges Betreuungsangebot als zusätzliche pädagogische Unterstützung anbieten.

 

Dringenden Bedarf sieht der AK Präsident auch bei Investitionen in die Weiterbildung, da es immer schwieriger wird, Weiterbildung privat zu finanzieren. Daher treten die Sozialpartner für ein kostenloses Nachholen von Bildungsabschlüssen ein. Für Tumpel ist insbesondere das kostenlose Nachholen des Hauptschulabschlusses wichtig, da dieser die Basis für viele andere weiterführende Ausbildungen ist. Großes Interesse besteht auch an der Berufsreifeprüfung, bei der viele an den zu hohen Kosten scheitern.

 

Mit einem neuen Qualifizierungsstipendium soll eine Lücke in der Weiterbildung geschlossen werden. Tumpel: "Es gibt viele, die sich gerne weiterbilden würden, aber ohne Unterstützung nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das ist eine Zielgruppe von Menschen, die nicht arbeitslos sind und daher keine Hilfe durch das Arbeitsmarktservice bekommen und auch im sonstigen Stipendiumsystem keine Unterstützung finden. Denen muss geholfen werden."

 

Landwirtschaftskammer: Durchlässigkeit in den Ausbildungssystemen erhöhen

"Wir verlangen, dass für die land- und forstwirtschaftliche Berufsausbildung die Voraussetzung für eine erhöhte Durchlässigkeit zwischen den Ausbildungssystemen geschaffen und das Gesetzgebungsverfahren bundesweit vereinfacht wird. Für praktizierende Landwirte muss es einfacher möglich gemacht werden, Bildungsabschlüsse im zweiten Bildungsweg nachzuholen. Außerdem muss der Berufsabschluss für Absolventen landwirtschaftlicher Fachschulen unmittelbar nach Schulabschluss ermöglicht werden", verlangt der Vizepräsident der Landwirtschaftskammer, Schultes.

Auch die Verwandtstellung von landwirtschaftlichen mit gewerblichen Lehrberufen, z. B. Gartenbau mit Florist und Landschaftsgärtner, solle erleichtert werden, so Schultes.

 

Schließlich sollen land- und forstwirtschaftliche Tätigkeiten als Voraussetzung für die Lehrbetriebsanerkennung durch entsprechende gesetzliche Anpassungen möglich gemacht und die Lehrstellenförderung in der Landwirtschaft vertraglich abgesichert werden.

 

OTS0171 WI

Wirtschaftskammer Österreich
Stabsabteilung Presse
Mag. Sabine Radl
Tel.: 0590900/DW 3590 email:sabine.radl@wko.at  http://wko.at/Presse

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