Do
09
Jul
2009
Utopia Schule
Grundschule, Mittelschule, Hochschule.
Als die europäischen Bildungsminister sich vor zehn Jahren an einer der alten europäischen Universitäten, in Bologna, über einen europäischen Hochschulraum und ein gestuftes Studiensystem verständigten, konnten sie nicht ahnen, dass sie damit die Idee der europäischen Universität begraben würden." Mit dieser lapidaren Verurteilung begann vor wenigen Wochen der von Heike Schmoll verfasste Leitartikel in der FAZ. Auch an dieser Stelle wurde mehrfach beklagt, dass, wie es auch Frau Schmoll monierte, die entscheidenden Ziele der Reform nicht erreicht wurden. Hingegen gestalten sich die Anfangssemester an den Universitäten zu extrem verschulten Kurssystemen, die wenig von der Freiheit des Lehrens und Lernens ahnen lassen.
Da es sinnlos ist, nur zu klagen, und da es anscheinend aussichtslos ist, die Demontage der Universität an jenen Gerüstteilen, die den Anfang des Studiums tragen sollten, rückgängig zu machen, empfiehlt es sich, Vorschläge zu unterbreiten, die das Beste aus der Situation machen. Denn die bedauerlichste Folge der Bologna-Reform ist, dass den jungen Menschen wertvolle Lebenszeit für öde Studieneingangsphasen geraubt wird, in der sie sich bereits intensiv nach eigenem Gutdünken mit der von ihnen gewählten Wissenschaft auseinandersetzen könnten.
Der sich anbietende Ausweg ist, die Schulzeit einfach um zwei Jahre zu verkürzen. Dies liegt ohnehin im Trend, denn das Wahlalter wurde auf 16Jahre gesenkt, der Gesetzgeber traut offenkundig 16-Jährigen die Entscheidungsbefugnis von Erwachsenen zu. Dass die gleichen 16-Jährigen in einem Klassenverband genauso hocken sollen wie einst zu Beginn der Schule - mit Betragensnoten, mit Androhungen von Prüfungen, mit Hausübungskontrollen - ist, nüchtern betrachtet, nichts anderes als lächerlich.
Darum wäre es gut, wenn Studierwillige nach der sechsten Klasse gleich an die Hohen Schulen gehen und dort mit ihren Bachelorkursen beginnen könnten. Dies würde zugleich eine sehr klare und einfache Struktur der Schule schaffen: Zu Beginn hat man die vierjährige Grundschule mit dem Klassenlehrersystem, danach die maximal sechsjährige Mittelschule mit dem Fachlehrersystem. Danach kann, wer will, das Hochschulstudium beginnen. Diese Ausbildung zum Bachelor erfolgt zwar im gleichen Umfeld, in dem auch die Universität angesiedelt ist, aber sie ist alles andere als ein Universitätsstudium im klassischen Sinn. Man sollte bei ihr daher auch nicht von einer Universitäts-, sondern von einer Hochschulausbildung sprechen. Denn Bachelors - so will es „Bologna" - sind darauf getrimmt, Punkte zählend von Pflichtkurs zu Pflichtkurs zu eilen, beseelt von der Devise: Zielstrebigkeit. Die Besten unter ihnen werden sich trotzdem Neugier, Erkenntnisinteresse, selbstständiges Denken, also das, was Bildung ausmacht, bewahren.
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.
Quelle: "Die Presse"

